Bhagavad-Gita 3: Die Fackel des Wissens
Vers. 2.10 – 2.30
...die argumente, die arjuna aus seinen gewissensqualen heraus vorbringt, sind wohlbegründet und wiegen schwer. doch nun weist krishna ihn darauf hin, dass jemand, der weise handeln will, nicht nur die zeitweilige ebene der existenz betrachtet, sondern auch den ewigen urgrund, dessen natur in allem erscheinen und dahinschwinden materiellen daseins unwandelbar und beständig bleibt. so sagt krishna zu arjuna: „du betrauerst, was nicht zu betrauern ist. du sprichst worte der weisheit. doch die weisen beklagen weder die toten noch die lebenden!“
mit diesen worten weist krishna arjuna darauf hin, dass der weise auch die dinge in betracht zieht, die über trauer, leben oder sterben hinausgehen. trauer, leben und sterben sind alles eigenschaften, die sich auf den körper beziehen. davon unterscheidet er das selbst, das den grob- und feinstofflichen hüllen erst leben verleiht, den körper belebt und ihn mit bewusstsein durchdringt.
dieses verständnis gehört zu den grundlegenden einsichten der sankhya-yoga-philosophie. ihr liegt eine systematische betrachtung der empirischen welt zugrunde, die sehr detailliert und weitläufig ist. vereinfacht kann gesagt werden, dass darin ein dualistisches weltbild vertreten wird, in der es zwei ewige weltprinzipien gibt: die materie (prakriti) und das reine bewusstsein (purusha).
prakriti wird als unbewusste energie erkannt, die von der übergeordneten bewussten energie (purusha) abhängig ist. diese beiden energien bilden die grundlage zur entstehung des universums. als natur oder grundeigenschaften sind der prakriti die drei gunas eigen, die erscheinungsweisen oder wirkungskräfte der materiellen energie:
sattva (das lichte, reine, erhaltende)
raja (das feurige, leidenschaftliche, schaffende)
tamas (das dunkle, träge, vernichtende)
solange diese drei gunas im gleichgewicht sind, d. h. unbewegt und ohne wechselwirkung, verbleibt die prakriti unmanifestiert und wird in diesem zustand pradhana genannt. treten die drei erscheinungsweisen in eine wechselwirkung, bilden sie entsprechend ihrem mischungsverhältnis die strukturen der prakriti. in einer ersten bewegung entstehen 24 elemente als stoffliche grundbestandteile der welt. der begriff elemente bezieht sich dabei nicht auf eine chemische einteilung, sondern auf eine strukturelle:
fünf grobstoffliche elemente:
erde, wasser, feuer, luft, äther
fünf feinstoffliche elemente:
geruch, geschmack, farbe, berührung, klang
vier innere sinne:
geist (mana), intelligenz (buddhi), ego (ahankara), bewusstsein (citta).
fünf wissenerwerbende sinne:
gehörsinn, geschmackssinn, tastsinn, sehsinn, geruchssinn
fünf äussere handlungsorgane:
sprachorgan, hände, füsse, anus, geschlechtsorgan
als fünfundzwanzigstes element beschreibt das philosophische system des sankhyas schliesslich die zeit - vergangenheit, gegenwart und zukunft.
unter dem einfluss dieses zeitfaktors entwickelt sich die schöpfung aus den feinstofflichen formen in die groben formen, entsprechend ihrer zunehmenden verdichtung:
* dem äther wird klang zugeordnet
* die luft trägt äther (klang) und es kommt berührung hinzu
* das feuer trägt äther(klang), luft (berührung) und es kommt form hinzu
-
*das wasser trägt äther (klang), luft (berührung), feuer (form)
und es kommt geschmack hinzu
-
*die erde trägt alles, nämlich äther (klang), luft (berührung),
feuer (form), wasser (geschmack) und es kommt geruch hinzu
die systematische analyse des shankya ist teil vieler verschiedener philosophischen strömung des veda und bildet die theoretische grundlage unterschiedlicher yoga-systeme, die sich weiterentwickelt haben. in den verschiedenen praktischen übungen und methoden wird oftmals versucht, das verkörperte lebewesen von einem zustand des verdichteten bewusstseins, zu einem lichten bewusstsein zu führen. bis hin zu dem punkt, da es erkennt, dass der purusha (das reine bewusstsein) von all den dingen in der welt nicht berührt wird, da er sich jenseits des zeitweiligen und vergänglichen befindet, das heisst, unberührt von gunas und stofflichen grundelemente der welt verbleibt.
so beginnt auch krishna seine unterweisungen mit dem hinweis auf die beiden prinzipien, welche in dieser welt in wechselwirkung stehen:
das materielle prinzip, dessen wesen durch ständige wandlung, unbeständigkeit und der abwesenheit von bewusstsein charakterisiert wird das immaterielle prinzip, das unveränderliche ewige bewusstseinsprinzip, das sich sowohl über sich selbst als auch über die materie bewusst ist und der materie erst leben verleiht
hier stellt sich die frage, weshalb krishna gerade diese unterweisung als antwort auf arjunas innere zweifel gibt. der veda erklärt, ein kshatriya (könig, krieger, politiker) könne nur dann frei von antipathie, sympathie, neid, gier, zorn handeln, wenn er in völliger erkenntnis des atma (des spirituellen selbst, die wirklichkeit hinter dem schein, die jedem lebewesen innewohnt) verankert sei.
wenn krishna deshalb hier lehrt, dass der atma nicht getötet werden kann und unvergänglich ist, lässt sich daraus selbstverständlich nicht die berechtigung ableiten, den körper anderer lebewesen vernichten zu dürfen. ebenso ist das wissen darum, dass jemandem, der geboren wurde, der tod gewiss ist, keine aufforderung zum krieg. es ist lediglich die erkenntnis der charakteristika von materieller und spiritueller natur. wenn freud und leid mit dem kommen und gehen der jahreszeiten verglichen werden, bedeutet dies nicht, dass jemand der verantwortlichkeit seines tuns und den auswirkungen, die es auf andere hat, enthoben würde. vielmehr ist es eine erkenntnis, die hier vermittelt wird, nämlich das freud und leid, das ergebnis der betätigung (karma) der lebewesen unter dem einfluss der wechselwirkungen der drei gunas sind. der weise, der den atma verwirklicht hat, lässt sich davon nicht beirren, ebenso wenig wie ein schauspieler sich nicht mit seinen verschiedenen rollen und den dazugehörigen erlebnissen identifiziert.
diese unterweisungen über das wesen der seele (des spirituellen selbst) und das wesen des körpers sind deshalb nicht als aufforderung zum kampf misszuverstehen. vielmehr ist es die aufforderung, die dinge noch mit anderen augen zu betrachten. eine übertragung der geschehnisse, wie sie als geschichtliche erzählung auf uns kommen, ist nicht ohne weiteres auf andere personen oder andere geschehnisse und konflikte übertragbar. bhaktivinoda thakura (1838 – 1914), einer der vielbeachtetesten bhakti lehrer, kommt in seinem tattva sutra zum schluss, dass wenn der weise uddhava an arjunas stelle die unterweisung krishnas vernommen hätte, er aufgestanden wäre und das schlachtfeld verlassen hätte.
die tatsache, dass sich arjuna letztlich zum kampf entschloss, ist darauf zurückzuführen, dass er durch die erkenntnis der spirituellen und materiellen natur der welt in der lage war, seine dharma als ksatriya zu erkennen. in arjunas bewusstsein drehte sich anfänglich alles um die frage nach dem bevorstehenden kampf. alle seine argumente für und wider bewegten sich im kreis. die unterweisung der bhagavad-gita will den menschen, der sein ganzes bewusstsein, denken und entscheiden nur auf zeitweilige, vergängliche dinge und geschehnisse ausrichtet, aus diesem kreis heraus einen schritt weiterführen.
über das dharma wurde bereits gesprochen: es ist das, was die welt trägt, die brücke die das unvergängliche lebewesen über den abgrund der zeitweiligen welt sicher mit dem immer währenden ursprung verbindet.
was aber ist das dharma eines kshatriyas? der begriff kshatriya leitet sich aus den wurzeln kshat (verletzung) und trayate (schutz gewähren) ab. dem kshatriya obliegt es daher, den schwächeren und hilfesuchenden schutz vor verletzung zu gewähren.
krishna führt arjuna vor augen, dass dieser nicht wie ein weiser aus der verwirklichung seines atman heraus, zum schluss kommt, den kampf zu vermeiden. vielmehr sind es gefühle der sympathie gegenüber seinen freunden, lehrern und verwandten, die arjuna lähmen und ihn auch sein dharma vergessen lassen. er, dessen vorrangige pflicht es ist, die schwachen zu schützen und sein handeln nach kriterien der gerechtigkeit und wahrhaftigkeit auszurichten, ist bereit, sich dieser pflicht zu entziehen und in den wald zu gehen, um seine verwandten und freunde zu schützen. die wurzeln dieser parteilichkeit liegen nicht in der verwirklichung des atma, sondern in der identifizierung mit der zeitweiligen verbindung zu einem bestimmten körper, und dem „ich“ und „mein“ dieses körpers.
die eigentlichen feinde des menschen, die es zu überwinden gilt, sind nicht andere menschen oder situationen. es sind die eigene gier, der zorn, die furcht, die enttäuschung, anhaftung und ablehnung in all ihren verschiedenen spielarten. sie verdunkeln den verstand und lassen das lebewesen in verwirrung zurück. es ist die fackel des wissens, welche diese dunkelheit vertreiben und den pfad des lebewesens erhellen kann.
- bhagavad-gita -